Finanzielle Steuerung und Risikomanagement von Versicherungsunternehmen

26. September 2019

Das Institut für Versicherungswissenschaften e.V. an der Universität Leipzig veranstaltete am 26. September 2019 die erste Konferenz in der Reihe „Finanzielle Steuerung und Risikomanagement von Versicherungsunternehmen“ in Köln. Moderator Professor Dr. Fred Wagner konnte zur Premiere rund 40 Teilnehmer im Veranstaltungsbereich des Hotels Pullman Cologne willkommen heißen.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Professor Wagner wurde der Konferenztag mit dem Vortrag von Tobias Noack, Complex Deal Ambassador bei ACRS Aon Corporate Risk Solutions, eröffnet. Thematisiert wurde das „Riskmanagement als Dienstleistung für Industrieunternehmen – eine neue Rolle des Maklers? Win-win für Versicherungsunternehmen, Makler und Kunden“ mit einem Blick auf die Rolle des Industrieversicherungsmaklers im Wandel der Zeit. Für Noack ist der Makler immer noch der Moderator zwischen Kunde und Versicherungsunternehmen, lediglich die Ausgestaltung der Rolle habe sich verändert. Er warnte vor dem Verlust des Anschlusses der Finanzdienstleistungsbranche an die Kundenbedürfnisse aufgrund fehlender Innovationen. Die Nachfragen der Kunden würden schon seit langem nicht mehr in eine Produktschublade passen, so Noack weiter. Der Kunde sähe als zunehmend relevante Geschäftsrisiken insbesondere Imageschäden, das Nachlassen des Wirtschaftswachstums und die Betriebsunterbrechung. Problematisch sei bei einigen dieser Risiken jedoch die Versicherbarkeit, anders als beispielsweise bei traditionellen Haftpflichtrisiken. Hier sei vor allem der Makler in der Pflicht, als Moderator zu agieren und dem Kunden Lösungen anzubieten. Relevant für die Rolle des Maklers sei außerdem das veränderte Marktumfeld der Industrieversicherung. Versicherer würden zunehmend versuchen, erhöhte Prämien durchzusetzen. In der heutigen Zeit bestehe die Rolle des Maklers ebenfalls darin, den Kunden zu vermarkten, um ihn für den Versicherer als attraktiv darzustellen. Man verstehe sich zunehmend als Risikomanager und Risikoanalyst des Kunden, so Noack.

Im Anschluss widmete sich Vjaceslavs Geveilers, Aktuar DAV und Director Financial Services bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, dem hoch aktuellen Thema IFRS 17 und den Konsequenzen der internationalen Rechnungslegungsvorschrift für die Steuerung von Versicherungsunternehmen. Nach einer kurzen Einführung in die Bewertungsmethoden von Versicherungsverträgen nach IFRS 17, bei der Geveilers insbesondere auf die vertragliche Servicemarge einging, adressierte er die Treiber der Unternehmenssteuerung unter IFRS 17. Dazu zählten die verwendeten Bewertungsmethoden, die Bilanzierungseinheiten, die Kostenrechnung, der Diskontierungszins, der Überleitungsansatz, die Risikoanpassung und die Deckungseinheiten. Innerhalb seines Vortrags markierte Geveilers die Transition von IFRS 4 zu IFRS 17 als wichtige Phase für die Unternehmenssteuerung. Die kommenden Standards beträfen nicht nur viele Themen innerhalb des Unternehmens, auch die Relevanz bisheriger Unternehmenskennzahlen müsste bei Anwendung von IFRS 17 einer Überprüfung unterzogen werden.

Der folgende Vortrag beschäftigte sich mit der Integration von ESG-Kriterien im Kapitalanlagemanagement von Versicherungsunternehmen. Marie Niemczyk, Head of Insurance Relations bei CANDRIAM, betonte überzeugend, dass eine notwendige Integration von ESG-Faktoren in das Asset Management dazu führen müsse, Umweltrisiken, soziale Risiken und Governance-Risiken von Unternehmen und Ländern vermehrt zu berücksichtigen. Dabei sei eine reine Ausschlussliste von Investmentpositionen nicht mehr zeitgemäß. Dem Vorurteil, dass Versicherer bei der Integration von ESG-Kriterien in ihr Asset Management Performance einbüßen müssten, erteilte sie eine klare Absage. Ein wichtiger Treiber für die Bedeutung der Umweltkriterien sei vor allem der Klimawandel, der aufgrund der medialen Präsenz zunehmend auch in das Bewusstsein der Unternehmen vordringen würde. Aufgrund dessen nähme auch die ESG-Regulatorik weiter zu. Es bleibe abzuwarten, wie der Gesetzgeber und die Aufsichtsbehörden eine Integration von ESG-Aspekten bei den Investmententscheidungen von Versicherungsunternehmen zukünftig bewerten werden. Die Regulatorik als Treiber würde der Thematik eine neue Dimension verleihen, schloss Niemczyk.

Nach der Mittagspause referierte Alf N. Schlegel, Mitglied des Vorstands des Continentale Versicherungsverbund, über den Status quo, Entwicklungslinien und Optimierungspotenziale von ORSA. Im Mittelpunkt standen die Ziele von Solvency II. Schlegel kritisierte, dass der Gesamtsolvabilitätsbedarf in der Praxis nicht im Vordergrund stehe, sondern das SCR. Weiter wären Versicherer gezwungen, im Rahmen des Angemessenheitsprinzips ein Modell anzuwenden, das sie unter Umständen nicht vertreten. Darüber hinaus sei ORSA mit „übertriebenem Dokumentationsaufwand“ verbunden und die Gefahr der „Kollision“ mit der HGB-Steuerung sei nicht zu unterschätzen. Jedoch sei ORSA durchaus ein Hilfsmittel, um die eigene Risikosensibilität zu erhöhen. Er betonte außerdem, dass ORSA ein Prozess sei, der in den Unternehmensentscheidungen berücksichtigt werden müsse, und sprach sich für eine Prüfung der Zinsstrukturkurve für künftige Geschäftsszenarien aus, die auch bereits für 2020 durch den Gesetzgeber angekündigt wurde.

Darauf folgend erörterte Dr. Michael Pickel, Vorsitzender des Vorstands der E+S Rückversicherung AG, den Umgang mit Finanzsanktionen. EU-ansässige Unternehmen, somit natürlich auch Versicherungsunternehmen, seien verpflichtet, einen wirtschaftlich und technisch vertretbaren Aufwand zu betreiben, um alle Geschäftspartner gegen die veröffentlichte europäische Liste Common Foreign & Security Policy (CFSP) zu prüfen. Versicherungsschutz dürfe beispielsweise nicht gegeben werden, wenn gegen einen (potenziellen) Vertragspartner Handels-, Wirtschafts- und Finanzsanktionen oder Embargos der EU oder der Bundesrepublik Deutschland bestehen. Ein Streitpunkt sei die (Rück-)Versicherung von Risiken und Versicherungsnehmern, die unter US-Sanktionen stehen, insbesondere wenn ein „Iran-Zusammenhang“ vorliege. Für den gebotenen Umgang mit Finanzsanktionen seien Schulungen insbesondere der Underwriter und Schadenregulierer unumgänglich, sowie eine ausreichende Kompetenz im „case management“, schloss Dr. Pickel.

Den letzten Vortrag des Konferenztags hielt Dr. Christian Thimann, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Athora Deutschland Holding GmbH & Co. KG, in dem er die Möglichkeiten einer Rückversicherung zur Kapital- und Ergebnisstabilisierung in der Lebensversicherung als Alternative zum Run-off diskutierte. Die Ausgangslage der niedrigen Zinsen insbesondere auf Staatsanleihen und auf Anleihen von hinreichend sicher gerateten Corporates bezeichnete Thimann als „Mutter aller Probleme“. Als Lösung für Lebensversicherungsunternehmen, die aufgrund der Situation am Kapitalmarkt ihren Verpflichtungen aus den Garantiebeständen auf Dauer nicht mehr gesichert nachkommen können, gäbe es aktuell nur die Möglichkeit des Run-Offs. Eine Alternative dazu sei die Bestandsrückversicherung, bei der ein Rückversicherer das Marktrisiko trage. Mit einem starken Augenmerk auf das Kapitalanlagemanagement und entsprechenden Kooperationen mit Asset Managern, die eine weitreichende Expertise aufweisen, könne diese Rückversicherungsform Vorteile für alle Beteiligten ausweisen. Ein Fokus der Athora läge hierbei auf illiquiden Unternehmensanleihen. Grundsätzliche Vorteile der Bestandsrückversicherung gegenüber einer Bestandsübertragung seien u.a. der Erhalt der Kundenbeziehung, eine flache Transaktionsstruktur sowie der Erhalt der Mitarbeiter. Dadurch, dass der Rückversicherer de facto das Asset Management des Erstversicherers für den Bestand übernehme, würde einzig in diesem Bereich eine Freisetzung von Mitarbeitern erfolgen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Professor Wagner, zum Thema „Riskmanagement im Spannungsfeld aufsichtsrechtlicher Pflichterfüllung und wertorientierter Steuerung“ wurde deutlich, dass ein Versicherungsunternehmen nicht nur nach HGB gesteuert werden kann. Auch eine wertorientierte Steuerung, bei der Regulierungstatbestände oder Marktanforderungen (z.B. ESG-Kriterien) vernachlässigt werden, sei nicht zukunftsfähig. Die Teilnehmer einigten sich darauf, dass zumindest bei mittelständischen, deutschen Versicherungskonzernen die Steuerung nach HGB im Vordergrund stehe – zumal alle Bemessungsgrundlagen für mögliche Ausschüttungen an die verschiedenen „Stakeholder“ (insbesondere an die Unternehmensträger und Versicherungsnehmer) von den HGB-Ergebnissen abhängen. In der Diskussionsrunde wurde aber auch herausgearbeitet, dass gleichzeitig unterschiedliche „Steuerungscockpits“ zu beachten sind (HGB, IFRS, Solvency, Rating), was eine hohe Komplexität der Unternehmenssteuerung mit sich bringt. Für die Führungskräfte bedeutet das zugleich hohe Qualifikationsanforderungen. Zudem wurde über die wachsende Rolle von „Künstlicher Intelligenz“ für Finanzdienstleister debattiert. Die Teilnehmer stellten heraus, dass das Hauptproblem in Bezug auf den Einsatz von KI die Qualität der vorhandenen Daten sei; sie  maßen aber in jedem Fall der Thematik eine wachsende Relevanz für die Steuerung von Versicherungsunternehmen zu.