Aktuelle Entwicklungen in der Lebensversicherung

20. Juni 2018 in Köln

Das Institut für Versicherungswissenschaften e.V. an der Universität Leipzig veranstaltete am 20. Juni 2018 die 4. Konferenz in der Reihe „Aktuelle Entwicklungen in der Lebensversicherung“ in Köln. Professor Dr. Fred Wagner, der auch die Veranstaltung moderierte, konnte dazu gut 50 Teilnehmer im Veranstaltungsbereich des Hotels im Wasserturm Cologne begrüßen.

Eröffnet wurde der Konferenztag mit dem Vortrag von Herrn Michael H. Heinz, Präsident des Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute e.V., zum Thema „Die Umsetzung des LVRG – Wirksamkeit und offene Handlungsfelder“. Heinz startete mit unbeantworteten Fragestellungen im aktuellen Geschäftsmodell des Vermittlerbetriebs: Welche Vertriebswege sollen die Versicherer kombinieren? Welche Vergütungsstruktur ist optimal? Die wichtigste Frage bleibt jedoch die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Vermittlerbetriebs. Im Hauptteil des Vortrags stellte Heinz klar, dass das LVRG umgesetzt sei – jedenfalls auf Seite der Vermittler. Wie vom Gesetzgeber gefordert, sei die Vergütung in der Versicherungsvermittlung bei allen Vermittlertypen bereits deutlich abgesenkt. Zudem sei es längst zu einer Verlagerung hin zu einer laufenden Vergütung bei gleichzeitiger Erhöhung der Stornohaftungszeit gekommen, die Heinz übrigens als großes Problem ansieht. Das Ziel des LVRG sei insofern bereits erreicht, gleichzeitig mahnte Heinz an, dass weitere Belastungen für die Vermittler nicht mehr zumutbar seien. Diese hätten auch einen wichtigen sozialpolitischen Auftrag inne: die Daseinsfürsorge für Kunden und das Altersvorsorgeprodukt der Lebensversicherung auch in Phasen der Niedrigzinsen hochzuhalten. In diesem Hinblick wies Heinz zudem auf die hohe Qualität der Vermittlerschaft hin: Auch diesbezüglich hätten die Vermittlerorganisationen ihre Aufgaben erledigt. Abschließend appellierte Heinz, dass es das Ziel sein muss, eine faire Lastenverteilung aller Marktteilnehmer sicherzustellen und nicht wie bisher eine einseitige Belastung von Verbrauchern und Vermittlern fortzuführen.

Im zweiten Referat widmete sich Dr. Heinz-Peter Roß, Vorsitzender des Vorstands der Viridium Gruppe, den Marktentwicklungen des Run-offs und den damit verbundenen Erfolgsfaktoren und Perspektiven. Die Viridium Gruppe betrachtet sich als Spezialist für Konsolidierung und Management von Lebensversicherungsbeständen im deutschsprachigen Raum. Dr. Roß begann seinen Vortrag mit der Herausstellung der gravierendsten Herausforderung: der Kostenbeherrschung bei inaktiven Beständen. Mit sinkenden Bestandsgrößen reduzieren sich zwar auch variablen Kosten, aber der Fixkostenblock nicht, und damit steigen die Stückkosten pro Vertrag. Das Geschäftsmodell der Viridium Gruppe sei deshalb auf Effizienzgewinne ausgelegt. Der Risikoträger schließt hierfür Verträge mit Servicegesellschaften ab und lagert Administrationsprozesse aus. Die dauerhaft festgeschriebenen Verwaltungskosten, die über die mittlere Restvertragslaufzeit kalkuliert und eingepreist seien, lägen von Beginn an unterhalb des bisherigen Niveaus beim vorherigen Risikoträger, und die anteiligen Policekosten könnten sodann konstant gehalten werden. Hieraus resultiert, dass der Kunde gegen anteilig steigende Verwaltungskosten langfristig immunisiert sowie seine Überschussbeteiligung sogar erhöht sei und so der Run-Off gesichert werden könne. Das Zielbild müsse es übergreifend sein, so Roß, den Lebensversicherungskunden auch langfristig an die Run off-Plattform zu binden. Dazu gehöre auch ein hervorragendes Kapital- sowie Bestandsmanagement sowie eine transparente Kundenkommunikation.

Gerrit Heine, Head of Transactions DACH, CEE and Scandinavia der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG zeigte folgend innovative Rückversicherungslösungen für das Management von Kapitalmarktrisiken und Zinszusatzreserven auf. In seinem stark technisch geprägten Vortrag stellte Heine insbesondere Finanzierungslösungen für Zinszusatzreserven auf Kreditbasis dar. Im Zuge entsprechend finanzwirtschaftlich geprägter Rückversicherungsgestaltungen wurden damit zusammenhängend auch positive Solvabilitätseffekte vorgestellt, und die Kosten durch die Weitergabe von Zinsmargen könnten durch Effizienzvorteile gemindert werden.

Nach der Mittagspause äußerte sich Manuel Heuer, COO der dacadoo AG, zu den Lebensversicherungskunden und wie man diese mittels digitaler Gesundheitsplattformen kennenlernen, unterstützen und binden kann. Big Data böten Lebensversicherern die Möglichkeiten, Kundenverhalten besser zu verstehen; Wissen über deren aktuelle Risikodaten zu generieren sowie neue Produkte und ein verbessertes Princing, z.B. über dynamische Prämien, einzuführen. Als zukünftige Lebensversicherungskunden wurden die Generationen Y und Z identifiziert, oder auch bekannt als die „no wait generation“, die sofortige, digitale umgesetzte Entscheidung treffen, ohne Feedback zu ihrer Kaufsituation zurückzusenden. Die Hauptaufgabe der Versicherungsbranche sei es, digitale Kundenerlebnisse zu ermöglichen und zu intensiveren. Dabei gelte es, die besten digitalen B2C-Lösugen anzubieten, die ür den Kunden einen hohen Nutzwert schaffen. Die Bereitschaft, Daten mit Branchenakteuren und Plattformen zu teilen, sei immer mehr gegeben, aber nur dann, wenn dem Kunden Gegenzug ein Mehrwert geboten wird („something for something“). Eine „Customer Value Proposition“ in der Lebensversicherung durch digitale Plattformen biete der Branche die Chance, so Heuer, über den Wert- und Loyalitätsgedanken neue Kunden zu akquirieren und Bestandsunden länger zu binden. Bildlich gesprochen bedeute dies für den Lebensversicherer, dass er die „DJ-Position“ einnehmen muss, indem er für alle Zielgruppen einen relevanten Content ermöglicht und sowohl die aktiven, inaktiven als auch die noch nicht registrierten Plattformnutzer mit geeigneten Marketingmaßnahmen an die Plattform nachhaltig bindet. Dacadoo als White-Label-Lieferant biete dem B2B-Kunden hierfür modulare Ansätze wie Gamifications, Social features, personalisiertes Feedback, individuelle personalisierte Inhalte sowie Reward-Systeme.

Mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz und den damit verbundenen Herausforderungen und Potenzialen für die Versicherungswirtschaft setzte sich Dr. Normann Pankratz, stellvertretendes Mitglied der Vorstände der Debeka Versicherungen, auseinander. Als Herausforderungen nannte Pankratz die vielen offenen Fragen innerhalb der Umsetzung: Welche Rentenhöhe kann ein Arbeitnehmer zu Rentenbeginn erwarten, wenn es keine garantierten Leistungszusagen gibt? Wie stark kann sich die Anlagestrategie bzw. Fondsauswahl auf die Kundenleistungen auswirken? Vor weiteren Fragestellungen stehen Kunden auch, wenn es um die Sicherheit und Schwankungen ihrer Rentenzahlungen geht. Pankratz stellte hierzu diverse Modelle und Szenarien vor. Für die Versicherungswirtschaft stelle die Kommunikation der Chancen und Risiken gegenüber Arbeitnehmern und Tarifparteien eine besondere Anforderung dar, so Pankratz.

„Private Debt als Anlageklasse für Lebensversicherer“ betrachtete folglich Sebastian Karger, Abteilungsleiter Private Debt der WAVE Management AG. Nach einem kurzen Marktüberblick über den historischen Verzinsungsverlauf diverser Kapitalanlagen und deren mangelnde Renditeerfolge stellte Karger die Notwendigkeit alternativer Anlageklassen für die Versicherungsbranche heraus. Diese sollen möglichst eine geringe Volatilität, hohe Diversifikationsbeiträge sowie auch interessante Renditepotenziale verkörpern. Karger zeigte auf, dass Private Debt in der andauernden Niedrigzinsphase eine Lösung sein kann. Unter Private Debt umfasste Karger dabei alle Arten von nicht börsennotiertem Fremdkaptal in Infrastruktur, Real Estate und Corporates. Die zusätzliche Rentabilität bei hoher Kreditqualität betrachtete er als wesentliche Vorteile von Private Debt im Anlageportfolio von Lebensversicherern. Herausfordernd sei die höhere Komplexität im Vergleich zu Anleihen sowie die Illiquidität von Private Debt. Zudem sei das Bewertungsniveau derzeit hoch, und auch das regulatorische Umfeld sei herausfordernd. Besondere Anforderungen stellen Private-Debt-Investitionen an die interne Organisation und an das Know-how. Aus Solvency-II-Sicht böten die Kapitalanforderungen für Private-Debt-Investments sowohl Potenziale als auch Herausforderungen.

Volker Britt, Geschäftsführer der HonorarKonzept GmbH, schloss den Veranstaltungstag mit seinem Vortrag über die „Einführung der IDD aus Vertriebssicht: Bericht über die erste Etappe und was noch zu erwarten ist“ ab. Zunächst stellte Britt die Auswirkungen der IDD-Richtlinie aus Sicht eines fiktiven Maklers dar. Als Herausforderung innerhalb der ersten Etappe (seit in Kraftsetzung der Richtlinie bis zum heutigen Standpunkt) sieht Britt insbesondere den Umstand, dass konkrete Ausführungsbestimmungen noch fehlen. Eine zweite Hürde stelle die Aufbereitung dar: wo kann der Makler komprimiert alle relevanten Informationen zum Thema IDD finden? Hinzu komme, dass der Beratungs- und Vermittlungsprozess von Versicherungsanlageprodukten deutlich komplexer geworden sei. Auch würden die Geeignetheitsprüfungen hinsichtlich der Versicherungsprodukte für den Kunden einen deutlichen Mehraufwand für die Vermittler darstellen. Im weiteren Verlauf seines Vortrags stellte Britt acht Thesen für die Zukunft auf, welche Pflichten sich gepaart mit Chancen für die Honorarberatung durch die IDD ergeben. Am Ende resultiere die zusätzliche Regulatorik in einer Schrumpfung der Vermittlerzahl. Der Fokus auf die Kundeninteressen bringe zwar gewisse Lasten für den Makler mit sich, gleichzeitig bedeute die zunehmende Kundenzentrierung jedoch einen erheblichen Wettbewerbsvorteil. Eine erhöhte Kostentransparenz wird laut Britt zudem in einer Steigerung der Nachfrage nach kosteneffizienten Nettoprodukten münden. Eine abschließende These lautete, dass die Honorarberatung mehr Chancen böte, die IDD nach dem Willen des Gesetzgebers umzusetzen und die strategischen Unternehmensziele zu erreichen, als die Provisionsberatung.