Aktuelle Entwicklungen in der Lebensversicherung

30. September 2020

Am 30. September 2020 hat das Institut für Versicherungswissenschaften e.V. der Universität Leipzig die 5. Konferenz in der Reihe „Aktuelle Entwicklungen in der Lebensversicherung“ veranstaltet. Bedingt durch die anhaltende Corona-Pandemie fand die kleine Jubiläumskonferenz vollständig virtuell statt und wurde von der NC3 GmbH, einem Service-Anbieter für Videostreaming, technisch begleitet. Professor Dr. Fred Wagner, Vorstand des Instituts für Versicherungswissenschaften e.V., durfte hierbei in seiner Rolle als Moderator zu diesem besonderen Format gut 40 Teilnehmer begrüßen.

Zum Auftakt der Konferenz widmete sich Dr. Herbert Schneidemann, Vorsitzender der Vorstände „die Bayerische“, der „Bedeutung der Berufsunfähigkeitsversicherung: Status quo, Attraktivitätsfaktoren und Entwicklungspotenziale“. Die Berufsunfähigkeitsversicherung sei ein wichtiges Risikoprodukt im Invaliditätsgeschäft, bei dem – zum großen Vorteil der Kunden – der Wettbewerb zwischen den einzelnen Versicherungsunternehmen in den letzten Jahren deutlich zugenommen habe. Insbesondere das Leistungsangebot, das bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung der primäre Attraktivitätsfaktor sei, habe sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Für den Kunden sei jedoch neben dem Leistungsspektrum auch die Leistungsquote relevant. Diese bewege sich aktuell in einem Bereich zwischen 60 und 80 Prozent. Dr. Schneidemann betonte, dass eine genaue Antrags- und Schadenfallprüfung wichtig sei, um das Versicherungskollektiv vor zu hohen Schadenquoten schützen zu können. Zugleich sei herauszustellen, dass Berufsunfähigkeitsprodukte auch für die Bilanz und die Solvenz des Versicherungsunternehmens attraktiv seien und trotz der aktuellen Niedrigzinsphase ein positives versicherungstechnisches Ergebnis liefern würden, was letztlich zur Entlastung der Zinszusatzreserve führe. Letzteres sei jedoch nur der Fall, wenn das Versicherungsunternehmen schon seit längerer Zeit Berufsunfähigkeitsgeschäft zeichne. Mit Blick auf die Zukunft der Berufsunfähigkeitsprodukte ist sich Dr. Schneidemann sicher, dass eine erhöhte Marktdurchdringung durch neue Kundengruppen und durch die Erweiterung der Versicherbarkeit erreicht werden müsse. Die Versicherer sollten sich zu Risikopartnern entwickeln, die dem Kunden die benötigte Flexibilität bieten und ein passendes Leistungsspektrum bereitstellen. Auf Nachfrage thematisierte Dr. Schneidemann die aktuelle Entwicklung am Berufsunfähigkeitsversicherungsmarkt in Bezug auf die Corona-Krise und stellte fest, dass ein Anstieg der Berufsunfähigkeitsanträge aktuell nicht zu verzeichnen sei.

Im Anschluss erörterte Dr. Markus Horstkötter, Partner EMEIA Financial Services bei Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, den Status Quo des IFRS 17 und dessen Auswirkungen auf die Steuerung von Lebensversicherungsunternehmen. Ziel des IASB sei die Vereinheitlichung der Abschlüsse von Versicherungsunternehmen durch die Entwicklung eines qualitativ hochwertigen und konsistenten Standards zur Bilanzierung von Versicherungsverträgen. Der Standard, der bereits seit über 20 Jahren entwickelt wird, unterlag 2020 abermals einigen Anpassungen, wie beispielsweise der erfolgswirksamen Erfassung von Erträgen aus passivem Rückversicherungsgeschäft, falls das Erstversicherungsunternehmen bestimmte Voraussetzungen erfüllt.

Zu den möglichen KPIs unter IFRS 17 in der Lebensversicherung zählte Dr. Horstkötter neben dem Geschäftsvolumen auch die Profitabilität des Neu- und Bestandsgeschäfts sowie die Eigenkapital-rentabilität. Dabei sei es wichtig, die Ermessensspielräume bei der Ergebnissteuerung nicht außer Acht zu lassen. Des Weiteren gehe er davon aus, dass dem Asset-Liability Management in Zukunft eine noch wichtigere Rolle zukommen würde, in dem auch die Regelungen des IFRS 9 zu berücksichtigen seien. Auf Basis des IFRS 17 würden sich außerdem neue Steuerungsgrößen herausbilden, wobei mit der vertraglichen Servicemarge im Neugeschäft eine wesentliche Performancekennzahl geschaffen wurde. Der IFRS 17 bilde die Realität des Versicherungsgeschäfts somit zwar schon gut ab und ließe deshalb eine Steuerung nach dem Standard zu, jedoch seien die Komplexität und die technischen Herausforderungen in der Umsetzung nicht zu vernachlässigen. Dr. Horstkötter ließ zudem durchklingen, dass mit einer Erstanwendung des Standards zum 01. Januar 2023 zu rechnen sei.

Im Anschluss widmete sich Sven Müller, Mitglied der Geschäftsleitung der msg life ag, des Themas „Herausforderungen bei der Migration von Lebensversicherungsbeständen – Chancen durch KI und andere neue Migrationskonzepte“. Grundsätzlich ließen sich Migrationsprojekte in der Lebensversicherung in die beiden Bestandteile des Aufbaus des Zielsystems und in die Datenmigration unterteilen, wenngleich ersteres den bedeutend größeren Aufwand verursachen würde. Migrationen seien mit heutigen Verfahren zwar datenschutzkonform, jedoch sehr komplex. Durch die Verwendung künstlicher Intelligenz könnten die Produkteinstellung automatisiert, die Quelldaten genau analysiert und die Quellinformationen, wie bspw. Dokumente, Source Codes oder Datenbanken, effizient bewertet und digital bereitgestellt werden. Zugleich führte Müller an, dass die Nutzung von künstlicher Intelligenz bei der Migration von Lebensversicherungsbeständen zukünftig immer bedeutsamer werde.

Anschließend referierte Dr. Guido Werner, Grundsatzreferat Lebensversicherung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), über die „Herausforderungen der Lebensversicherer im aktuellen ökonomischen und politischen Umfeld aus Sicht der BaFin“. Im
Fokus standen insbesondere die Corona-Pandemie sowie die Zinsgarantien im Neugeschäft. Im ersten Quartal 2020 seien nicht nur die Bedeckungsquoten, sondern auch das Neugeschäft stark gesunken. Wesentliche Treiber seien neben dem Zins- und Aktienkursrückgang auch der Anstieg der Stornozahlen und der Beitragsfreistellungen, die jedoch zum aktuellen Zeitpunkt kein bedrohliches Ausmaß angenommen hätte. Des Weiteren seien derzeit „keine signifikanten Auswirkungen durch Covid-19 auf das Sterblichkeitsergebnis der deutschen Lebensversicherer für 2020 zu erwarten“. Auch die Liquiditätssituation verhalte sich ohne besondere Auffälligkeiten, wenngleich die Situation weiterer Beobachtung bedürfe. Versicherer seien dazu angehalten, den Einfluss der Corona-Pandemie auf ihr Geschäftsmodell zu prüfen. Dr. Werner kritisierte, dass die ORSA-Berichterstattung in dieser Hinsicht noch ausbaufähig sei. Die BaFin „erwarte eine ausführliche Beurteilung wesentlicher Stresstestergebnisse“. Anschließend lenkte Dr. Werner den Blick auf die Zinsgarantien im Altbestand der Lebensversicherer. Durch die Zunahme fondsgebundener und hybrider Produkte sehe die BaFin zwar keine Belastung durch hohe Zinsgarantien im Neugeschäft, die alten klassischen kapitalgebundenen Lebensversicherungen und Rentenversicherungen mit hohen Garantiezinsen würden jedoch das Geschäft belasten. Die Branche müsse rechtzeitig umsteuern, damit aus heute abgeschlossenen Verträgen mit Zinsgarantien keine zukünftigen Altlasten werden, appellierte Dr. Werner. Die Lebensversicherer würden den Höchstgarantiezins von 0,9% zwar nicht voll ausschöpfen, viele würden aber Zinsgarantien knapp unterhalb anbieten. Die risikofreien Marktzinsen lägen aktuell weit unter dem Höchstrechnungszins, sodass Belastungen zu vermeiden seien, die dazu führen könnten, unerfüllbare Zinsverpflichtungen der Zukunft aufzubauen. Jeder Versicherer solle prüfen, ob die Garantiezinsvergabe in Bezug auf die eigene Risikotragfähigkeit angemessen sei. Hier nahm Dr. Werner vor allem die Aktuare in die Pflicht und betonte, dass die BaFin vertiefte Prüfungen von einzelnen Unternehmen durchführen werde.

Thematisch anschließend erörterte Dr. Klaus Miller, Mitglied des Vorstands der Hannover Rück SE und der E+S Rückversicherung AG, „Rückversicherungslösungen für die Lebensversicherung in der Niedrigzinsphase und unter Solvency II“. Dr. Miller sprach in diesem Rahmen drei große Problemfelder der Lebensversicherer an: Die Zinsentwicklung, das Kostenrisiko und die Entwicklung der Solvency II-Quote. Insbesondere der Aufbau der ZZR sowie die hohen Kostenbelastungen seien Stellschrauben, an denen eine mögliche Rückversicherungslösung ansetze. Durch Partnerschaften sei es Rückversicherungsunternehmen möglich, ein Netzwerk zu bilden und Lebensversicherungs-unternehmen etwaige Absicherungslösungen für das Markt- und Zinsrisiko anzubieten. Eine Möglichkeit stelle hierbei die Absicherung des Lebensversicherungsbestands durch Abschluss eines Quotenvertrags dar. So ginge dem Zedenten ein garantierter Zins von einem Rückversicherer zu, der wiederum seine biometrischen Risiken durch Rückversicherung absichere. Vorteilhaft seien dabei insbesondere in Bermuda ansässige Rückversicherer mit dem dort gegebenen Regulierungsrahmen. Durch die Kapitalanlagen des Bermuda-Rückversicherers könne von einer adäquaten Rendite für den Zedenten und somit auch für den Versicherungsnehmer ausgegangen werden, so Dr. Miller weiter. Er zeigte sich zudem zuversichtlich, dass die BaFin einer solchen Rückversicherungslösung im Interesse des Versicherungskollektives zustimmen werde.

Dr. Volker Priebe, Mitglied des Vorstands der Allianz Lebensversicherungs-AG, gab mit seinem Vortrag „Lebenswelt Vorsorge und Absicherung: Einfach stark“ einen Einblick in die veränderte Produktwelt der Lebensversicherung, die den Kundenbedürfnissen der Zukunft gerecht werden soll. Dr. Priebe stellte mit dem anhaltenden Niedrigzinsumfeld und der zunehmenden Digitalisierung des Kundenverhaltens zwei Hauptherausforderungen heraus, die zum einen die Kundenansprüche und zum anderen die Anforderungen an die Versicherungsprodukte beeinflussen werden. Der Kunde erwarte neben schnellen und effizienten Prozessen transparente und einfache Versicherungskonzepte, die flexibel gestaltbar seien. Er führte aus, dass dem Kundenbedürfnis nach Sicherheit und Renditen nur mit innovativen Lösungen und zielgruppenorientierten Angeboten begegnet werden könne. Zusätzlich sprach sich Dr. Priebe für die Vereinfachung von Vertragsunterlagen und eine damit einhergehende Transparenzerhöhung aus. Als Herausforderung sei jedoch die Darstellung des Chancen-Risiko-Profils anzusehen. Zudem betonte Dr. Priebe die Relevanz des digitalen Ökosystems als Kundenschnittstelle: „Eine Digitale Vertragssicht wird fester Bestandteil der Kundeninteraktion werden“.

Die virtuelle Lebensversicherungskonferenz wurde mit einem Vortrag zum Thema „Betriebliche Altersvorsorge aus Verbraucherschutzsicht“ von Stephanie Heise, Bereichsleiterin Verbraucherfinanzen und Mitglied der Geschäftsleitung der Verbraucherzentrale NRW e. V., abgerundet. Die Kritik an der betrieblichen Altersvorsorge, die unter anderem in der Doppelver-beitragung während der Leistungsphase bestünde, werde zwar durch das Betriebsrentenstärkungs-gesetz gemindert, jedoch nicht vollständig ausgeräumt. Der Verbraucherschutz begrüße die Anhebung der steuerfreien Beiträge von vier auf acht Prozent, einen verpflichtenden Arbeitgeberzuschuss von 15 Prozent ab dem Jahr 2022 sowie die Förderung von Geringverdienern und eine verbesserte Anrechnung auf die Grundrente. Ein Problem sei weiterhin die Sozialabgabeersparnis von vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze sowie die volle Versteuerung der bAV-Renten. Im Hinblick auf die Fragestellung, ob die bAV die beste Option für den Verbraucher sei, betonte Heise, dass es nicht reiche, wenn die Vorteile des Versicherungsprodukts die Nachteile überwiegen. Die bAV müsse vielmehr besser sein als ihre Alternativen, die bspw. in der Riester-Rente oder in privaten Vorsorgelösungen zu finden sind. Heise kritisierte, dass die Mitnahme der bAV bei Arbeitgeberwechsel weiterhin nicht oder nur eingeschränkt möglich sei. Zudem liege die Auswahl der Versorgungsträger ausschließlich beim Arbeitgeber, und es fehlten eine neutrale Beratung sowie ein einheitliches Informationsblatt über die Vor- und Nachteile der bAV vor Vertragsabschluss. Zusammenfassend sprach sich Heise für ein standardisiertes Produkt aus, und sie betonte abschließend, dass weitere Optimierungen nötig seien, um die bAV für Arbeitnehmer als die beste Option zur Altersvorsorge zu empfehlen.