Vorlesungstag an der Universität Leipzig

24. März 2011

Nach den einleitenden Begrüßungsworten von Herrn Professor Dr. Fred Wagner, Vorstand des Versicherungsinstituts, hielten die Teilnehmer für einen Moment inne, um den von der Katastrophe in Japan betroffenen Menschen zu gedenken. Anschließend gab Professor Wagner den Gästen einen Überblick zur Agenda, bevor weitere Begrüßungsworte durch den Prodekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, Herrn Professor Dr. Matthias Schmidt, gesprochen wurden. Auch Professor Schmidt verwies auf die aktuellen katastrophalen Ereignisse in Japan und stellte dabei die Rolle der Versicherungswirtschaft insbesondere bei der Schadenregulierung heraus.

Als erster Referent sprach anschließend Herr Dr. Werner Görg, Vorsitzender des Vorstands des Gothaer Versicherungskonzerns, über „Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit“. Dr. Görg begann seinen Vortrag mit einem vergleichenden Blick auf die historische Performance von Versicherungs-Aktiengesellschaften, Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit und öffentlich-rechtlichen Versicherungsunternehmen. Mit dem Hinweis auf einen in allen Sparten stagnierenden Markt identifizierte Dr. Görg eine überperformante Entwicklung der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit. Er stellte heraus, dass die Überschüsse bei den Vereinen vielfach zur Vorsorge für steigende Eigenkapitalanforderungen durch Solvency II angespart worden seien, währenddessen Aktiengesellschaften zu kapitalmarktorientierten Ausschüttungen gezwungen wurden. Folglich gäbe es derzeit keine ökonomischen Gründe für Konsolidierungen von Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit, so Dr. Görg. Im Folgenden legte er den Fokus auf die „delegierte Sozialversicherung“ als einen aus seiner Sicht bedeutenden Wachstumsmarkt. Gesellschaftliche Veränderungen würden zu einem Rückzug des Staats aus dessen sozialer Verantwortung führen und privatwirtschaftliche Lösungen notwendig machen. Daraus würden neue, spezifische Herausforderungen für die Versicherungswirtschaft entstehen, denen die aktuell finanziell stark aufgestellten Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, auch durch inhärente Eigenschaften ihrer Rechtsform, besonders gewachsen seien.

Im Anschluss referierte Herr Klaus-Jürgen Heitmann, Mitglied des Vorstands der HUK-COBURG Versicherungsgruppe, zum Thema „Status Quo und Perspektiven der Kfz-Versicherung in Deutschland“. Zunächst zeigte Herr Heitmann auf, dass sich die Kfz-Versicherung aktuell in einer Talsohle befindet. Eine Erholung sei zwar absehbar, gehe aber aufgrund eines starken Wettbewerbs nicht so schnell vonstatten, wie dies früher in Schwächephasen der Fall gewesen sei. Weiterhin sei die Produktlandschaft seit der Deregulierung der Versicherungsmärkte sehr diversifiziert und die Preisgestaltung intransparent, wobei sich der Preis auch weiterhin als stärkstes Entscheidungskriterium darstelle. In diesem Zusammenhang wies Herr Heitmann auf die zunehmende Bedeutung von Vergleichsportalen zur Entscheidungsunterstützung der Versicherungskunden hin. Außerdem würden Automobilhersteller zunehmend als Konkurrenten im Wettbewerb auftreten, was er als größte aktuelle Herausforderung bezeichnete. Durch ihre Präsenz am Point-of-Sale sei es den Automobilherstellern möglich, Rundumpakete um das Kernprodukt Auto zu konzipieren und zu verkaufen und damit der Annehmlichkeit für den Kundenden Vorzug zu geben. Die Versicherungswirtschaft könne hier nur mit dem Instrument der Preispolitik agieren. Daraus resultierende strategische Herausforderungen würden zum einen in der brancheninternen Transparenz von Produkt- und Preisgestaltung, zum anderen im branchenexternen Wettbewerb um das Schadenmanagement liegen.

Nach der Mittagspause sprach Herr Dirk Harbrücker, Geschäftsführer der Deutschen Kernreaktor-Versicherungsgemeinschaft und Mitglied des Vorstands der EXTREMUS Versicherungs-AG, aus aktuellem Anlass über die Versicherung von Atomrisiken. Herr Harbrücker hatte sich nach sehr kurzfristiger Einladungzu diesem Vortrag bereiterklärt. Zunächst erläuterte er die Situation der vom Erdbeben und dem Tsunami betroffenen Kernkraftwerke in Japan, und er ging kurz auf technische Details einzelner Atommeiler ein. Anschließend beschrieb er die Regelungen zur Deckung von Nuklearrisiken in Japan und Deutschland. Schlussendlich betonte Herr Harbrücker, dass in der Diskussion um die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke Entscheidungen ausschließlich auf politischer Ebene zu treffen sind. Haftung und Deckungsvorsorge blieben jedoch in Kraft, solange Kernmaterialien in Deutschland gelagert oder bearbeitet würden.

 

Im Anschluss stellten Herr Professor Dr. Fred Wagner und Herr Dr. Florian Elert Ergebnisse aus einer empirischen Studie des Instituts für Versicherungswissenschaften e.V. an der Universität Leipzig zum Thema „Perspektiven und Herausforderungen in der Lebensversicherung“ vor. Dr. Elert ging zunächst auf die veränderten Rahmenbedingungen für die Branche ein und stellte die Frage in den Raum, ob daraus folgend andere Geschäftsmodelle etabliert würden. Nach einer Darstellung von Zielsetzungen, Forschungsdesign und Teilnehmern der Studie ging er auf die Antworten der befragten Unternehmen zur Einschätzung der veränderten politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen ein. Dazu zählen auch aktuelle Rechtsprechungen, wie das EuGH-Urteil zu Unisextarifen oder die anstehende Reduktion des Rechnungszinses auf 1,75%. Auch die Wirkung von Solvency II auf die Lebensversicherung wurde hinterfragt. Insgesamt erwarten die Versicherer durch das neue Aufsichtsrecht und weitere politisch-rechtliche Rahmenbedingungen zum Teil starke Einflüsse auf ihre Geschäftsmodelle. Professor Wagner knüpfte an die Ausführungen an, wobei sein Fokus auf den Erwartungen für die Entwicklungen der Geschäftsmodelle in den einzelnen befragten Versicherungsunternehmen lag. In Bereichen wie der Steuerungsphilosophie, der Neugeschäftsausrichtung, der Zinsgarantie, der Überschussbeteiligung und dem Vertrieb identifizierte er ein sehr heterogenes Bild der Selbsteinschätzung, bei dem zum Teil eine Inkonsistenz zwischen individueller Strategie und Erwartungen hinsichtlich der Branchenentwicklung zu erkennen sei.

Die darauf folgende Podiumsdiskussion unter Moderation von Professor Wagner hatte „Herausforderungen im Gesundheitswesen: Status quo, Perspektiven, Lösungswege“ zum Thema. Die geladenen Experten waren Herr Professor Dr. Herwig Birg, Bevölkerungswissenschaftler/Demograph von der Universität Bielefeld, Herr Dr. Werner Görg, Vorsitzender des Vorstands des Gothaer Versicherungskonzerns, Herr Stefan Kapferer, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, Herr Dr. Volker Leienbach, Direktor im PKV Verband der privaten Krankenversicherung e.V. und Herr Professor Dr. Herbert Rebscher, Vorsitzender des Vorstands der DAK Deutsche Angestellten-Krankenkasse. Die höchst kontrovers diskutierten Fragen thematisierten die Sicherheit der Sozialversicherungssysteme in Deutschland, im Besonderen in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Pflegeversicherung.

Als letzten Punkt auf der Agenda berichtete Herr Matthias Zapp, Doktorand am Leipziger Institut für Versicherungslehre, aus seiner Dissertation „Verbriefung von Langlebigkeitsrisiko durch Versicherungsunternehmen“. Rentenversicherungsunternehmen seien einem systematischen Langlebigkeitsrisiko ausgesetzt, bei dem konventionelle Verfahren des Risikomanagements nur begrenzt wirksam seien. Durch Verbriefungen könnten hier neue Formen der Absicherung geschaffen werden.

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