18. Vorlesungstag an der Universität Leipzig

08. März 2018

Das Institut für Versicherungswissenschaften e.V. an der Universität Leipzig hat am 08. März 2018 erneut zu einem der wichtigsten Branchentreffen der Versicherungswirtschaft eingeladen. Im AudiMax am innerstädtischen Campus Augustusplatz kamen fast 300 Branchenrepräsentanten zusammen – darunter zahlreiche Vorstände und Führungskräfte aus der Versicherungswirtschaft. Den Gästen bot sich viel Raum zum interdisziplinären Austausch. Die fachliche Leitung des Kongresses übernahm auch in diesem Jahr wieder Herr Prof. Dr. Fred Wagner, Vorstand des Instituts für Versicherungswissenschaften e.V. an der Universität Leipzig.

Nach einer herzlichen Begrüßung durch Herrn Prof. Wagner, leitete Herr Prof. Dr. Uwe Vollmer, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, die Veranstaltung ein, indem er die Universität Leipzig als traditionelle Volluniversität mit einem breiten Forschungsspektrum vorstellte. Dabei betonte er insbesondere die Bedeutung der Kombination von Theorie und Praxis, der auch am Institut für Versicherungslehre seit Jahren ein essentielles Gewicht beigemessen werde.

Die digitale Strategie der Allianz Deutschland AG

Bernd Heinemann, Mitglied des Vorstands der Allianz Deutschland AG, eröffnete den fachlichen Teil mit einer umfassenden Vorstellung digitaler Strategien am Beispiel seines Hauses. Eine allumfassende Wirkung zunehmender Digitalisierung beeinflusse das Geschäftsmodell „Versicherung“ exorbitant. Unternehmerischer Erfolg bemisst sich laut Heinemann unter anderem aus der Kombination eines fundierten Underwritings und einer intelligenten Kundenzentrierung. Diese Bereiche seien jedoch durch Daten und Algorithmen erheblichen Veränderungen ausgesetzt. Aufgrund der in Echtzeit generierten Daten könnten Risiken zuverlässig eingeschätzt und Tarife flexibel gestaltet werden. Zudem ermöglichen die Daten individuellere und flexiblere Angebotsgestaltungen. Heinemann plädierte vor diesem Hintergrund für eine stärkere Kundenfokussierung. Versicherungsunternehmen müssten erreichen, dass alle Kundenbedürfnisse entlang der Customer Journey erfüllt werden können. Empathie sei auch im digitalen Zeitalter entscheidend. Heinemann verwies darauf, dass das Beobachten innovativer Entwicklungen für den Unternehmenserfolg ausschlaggebend sei, um nicht von neuen Anbietern verdrängt zu werden. Wer stetig entsprechend den Bedürfnissen des Kunden agiere, könne Kunden erfolgreicher an sich binden. Abschließend widmete sich der Allianzvorstand der „künstlichen Intelligenz“. Um neue Ideen erfolgreich umsetzen zu können, bedürfe es eines hohen Innovationsgrads und großer Skalierungseffekte. Insgesamt sieht Heinemann in einer umfassenden Digitalisierung viele Chancen, um Kundenbedürfnissen besser begegnen zu können.

Wirksamkeit der aktuellen Regulierung und weitere Herausforderungen

Dr. Wolfgang Weiler, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. , widmete sich der Wirksamkeit aktueller regulatorischer Maßnahmen. Laut Dr. Weiler wirke die Finanzkrise immer noch nach, weshalb die Stärkung der europäischen Gemeinschaft unter Voraussetzung klarer Aufgabenverteilungen und -zuständigkeiten fokussiert werden sollte. Ziel sei ein krisenfester Währungs- und Wirtschaftsraum. Weiler kritisierte jedoch, dass die gesetzten Regeln nicht ausreichend aufeinander abgestimmt seien und ungenügend durchgesetzt würden. Eine Verschärfung der Regulierung in der derzeitigen Form könne er vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehen, da es nicht an Regeln, sondern an deren Umsetzung mangele. Die europäischen Regulierungsinitiativen würden auch von vielen Versicherungsunternehmen als zu komplex empfunden – insbesondere vor dem Hintergrund von Solvency II. In diesem Zusammenhang übte der GDV-Präsident auch Kritik an dem ökonomischen Gehalt neuerer EIOPA-Entscheidungen. Dr. Weiler zeigte sich erleichtert, dass das politische Vakuum in Deutschland durch die Bildung der Großen Koalition bald verschwunden ist. Ein besonderes Gewicht legte Dr. Weiler auf die Feststellung, dass dem Proportionalitätsprinzip nach Solvency II nicht ausreichend Rechnung getragen werde. Hoffnung setzt Weiler auf die Evaluierung durch den Finanzausschuss des Deutschen Bundestages in naher Zukunft. Insgesamt forderte Weiler eine Regulierungspause, sodass Komplexität nicht weiter erhöht und vorhandene Regelungen effektiv durchgesetzt werden können.

Leipziger Forschung – Kapitalanlagen von Lebensversicherungsunternehmen in Infrastruktur

Im Veranstaltungsblock „Leipziger Forschung“ stellte Simon Radstaak, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Versicherungslehre, Auszüge aus seiner in Arbeit befindlichen Dissertation zum Thema „Kapitalanlagen von Lebensversicherungsunternehmen in Infrastruktur“ dem Plenum vor. Nach einer kurzen Einführung in die theoretischen Grundlagen stellte Radstaak zunächst fest, dass es sich bei Infrastrukturinvestitionen um einen sehr heterogenen Kapitalanlagenbereich handelt. Anschließend ging Radstaak explizit auf die Merkmale der Lebensversicherung ein und verdeutlichte hierbei die Bedeutung der Kapitalanlageerträge als wichtigen Wettbewerbsfaktor. Gemäß Solvency II wird bei Fremdkapitalinvestitionen deutlich weniger Solvenzkapital gefordert als bei Eigenkapitalinvestitionen. Hier warf Radstaak die Frage auf, ob das Solvenzkapital überhaupt relevant für die Investitionsentscheidung in der Lebensversicherung sei. Anschließend stellte er seine empirische Erhebung zu Anforderungen, Gründen und Problemen bei der Investition in Infrastruktur vor, die als Haupttreiber Diversifikationseffekte und als Haupthürde fehlendes Know-How bzw. die fehlende Verfügbarkeit von Infrastrukturinvestments offenlegte. Radstaak erläuterte, dass Infrastrukturinvestitionen eine geeignete Kapitalanlagemöglichkeit für Lebensversicherungsunternehmen sei, da sie sehr gut in das Geschäftsmodell der Lebensversicherung passen und Solvency II substanzielle Anreize dafür biete.

Start-ups im Umfeld der Assekuranz: Entwicklungstendenzen und Mehrwerte für Versicherungsunternehmen und Kunden

Prof. Dr. Fred Wagner, Vorstand am IfVW, widmete sich den Potenzialen und Entwicklungstendenzen von Start-ups. Auch er betonte zunächst, dass die fortschreitende Digitalisierung Geschäftsmodelle und Kundenerwartungen und somit die Customer Journey grundlegend verändere. Versicherungsprodukte müssten sich zu umfassenden Lösungen weiterentwickeln, die sich in die Lebenswelten der Kunden eingliedern. An den Sollbruchstellen der Assekuranz könnten sich InsurTechs einnisten und ihrerseits Lösungen anbieten. Versicherungsunternehmen und InsurTechs haben laut Wagner ambivalente Stärken und Schwächen. Innovationen „von Innen“, d.h. von den Versicherungsunternehmen selbst kommend, seien für die traditionellen Akteure überlebenswichtig, und die Voraussetzungen dafür seien auch gut, soweit es gelänge, traditionelle Kulturen aufzubrechen. Insbesondere in eigenen Forschungslabs und Kollaborationen sieht Wagner großes Potenzial. Darin könnten neue Kundenschnittstellen und Beiträge zu kundenzentrierten Angeboten in sich zunehmend etablierenden Netzwerken („Ökosystemen“) geschaffen werden. Bedarfsgerechte, smarte Angebote könnten zudem engere Kundenbeziehungen hervorbringen. Abschließend kritisierte der Leipziger Versicherungsprofessor, zu häufig stünde der Datenschutz im Vordergrund, obwohl den Kunden durch eine erfolgreiche Datennutzung ein großer Mehrwert geboten werden könnte.

Digitalisierung im persönlichen Versicherungsvertrieb: Chancen und Hürden

Der letzte Vortrag thematisierte die Chancen und Hürden der Digitalisierung im persönlichen Vertrieb. Wolfgang Hanssmann, Mitglied des Vorstands der Talanx Deutschland AG, konstatierte zunächst, Digitalisierung müsse ganzheitlich verstanden werden, wobei die Grundregel der Glaubhaftigkeit gelte. Voraussetzung sei die Verfügbarkeit von Echtzeitdaten. Es müsse gewagt werden, Neues wie bspw. flexible Preise zu testen. Hanssmann fokussierte sich in seinem Vortrag auf den Endkunden sowie seine Customer Journey. Kundenbedürfnisse müssten stetig im Auge behalten werden. Durch digitale Instrumente ließen sich Beratungsgespräche und Schulungen vereinfachen und komfortabler gestalten. An erster Stelle würden allerdings Regulierungsinitiativen und nicht Kundenwünsche die Entwicklung von Vertriebswegen beeinflussen. Als Beispiel nannte Hanssmann die Richtlinie PSD2. Im Vertrieb hob er „Waffengleichheit“ zwischen den Kanälen und „Kundenveredelung“ durch Cross- und Up-Selling hervor. Herausforderungen lägen darin, agile Projektentwicklung zu etablieren und Vergütungen im Rahmen der Digitalisierung neu zu strukturieren. Insgesamt sieht Hanssmann im digitalen Vertrieb Chancen. So ließen sich neue Kundengruppen akquirieren und Kosten und Zeit einsparen. Zudem steigere die Kombination aus Convenience, fachlichem Know-How und Empathie die Attraktivität. Risiken seien jedoch der Verlust des einfachen Geschäfts für den personalen Vertrieb und die hohe Anpassungsnotwendigkeit. Hanssmann rät dazu, alte Strukturen mit denen der „Neuen Welt“ zu kombinieren, um einen erfolgreichen Kulturwandel vollziehen zu können.

Private Vorsorge im Spannungsfeld von Niedrigzins und demographischem Wandel

Abgerundet wurde der Konferenztag mit der traditionellen Podiumsdiskussion. Vertreter aus Wissenschaft und Praxis trafen mit unterschiedlichen Standpunkten aufeinander und bildeten einen weiteren Höhepunkt der Veranstaltung. Das diesjährige Thema „Die wachsende Bedeutung der privaten Vorsorge im Spannungsfeld von Niedrigzins und demographischem Wandel – Potenziale für die Versicherungswirtschaft“ lud zu einer engagierten und kontroversen Diskussion ein. Holger Beitz, Chief Executive Officer der PrismaLife AG, und Dr. Jürg Schiltknecht, Vorstandsvorsitzender der Basler Versicherungen debattierten als Repräsentanten der Assekuranz, während die wissenschaftliche Perspektive durch Herrn Prof. Dr. Reinhold Schnabel, Universität Duisburg-Essen, vertreten wurde. Ferner nahmen Dr. Marco Arteaga, Rechtsanwalt/Partner bei PLA Piper UK LLP, und Dr. Florian Toncar, MdB und Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion, an der regen Diskussion teil. Moderiert wurde die Debatte von Prof. Wagner. Während der Debatte wurde festgestellt, dass die aktuell festgesetzten Grenzen für die Beitragssätze in der GRV nicht zu halten seien, allerdings auch nicht beliebig anpassbar seien. So werde langfristig am Renteneintrittsalter angesetzt werden müssen. In jedem Fall müssten langfristige finanzielle Lösungen geschaffen werden, um die gesetzliche Rente zu stabilisieren. Zudem müsse noch mehr Bewusstsein für die betriebliche Altersvorsorge geschaffen werden; in diesem Zusammenhang wurde erneut die Forderung nach einer Stärkung der bAV deutlich. Zudem sieht die Assekuranz zahlreiche zusätzliche private Vorsorgepotentiale. Allerdings müsse das Produkt der Lebensversicherung attraktiver gestaltet werden und vor allem kosteneffizienter werden. Ansonsten bestünde die Gefahr, schlussendlich bei wichtigen Gesetzgebungsverfahren ins Hintertreffen zu geraten. Zudem sollten sich die Versicherer mehr und konstruktiv in die öffentliche Diskussion einbringen.

Die anerkannte Tagung wurde mit einem kulturellen Abendprogramm in der Thomaskirche abgeschlossen, wohin das Institut für Versicherungswissenschaften e.V. an der Universität Leipzig zu einem Konzert des Universitätschors einlud. Im Anschluss konnten die Teilnehmer im Rahmen eines Get-togethers in den Räumlichkeiten des Instituts den 18. Vorlesungstag Revue passieren lassen.

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