19. Vorlesungstag an der Universität Leipzig

12. März 2019

Am Dienstag, den 12. März 2019 trafen sich in Leipzig wieder zahlreiche Repräsentanten der Versicherungswirtschaft und angrenzender Branchen zum mittlerweile 19. Vorlesungstag an der Universität Leipzig, einem beliebten und wichtigen Branchentreff zum Austausch zwischen Forschung und Praxis der deutschsprachigen Assekuranz. Die Tagung, die das Institut für Versicherungswissenschaften e.V. an der Universität Leipzig unter Moderation und fachlicher Leitung von Professor Dr. Fred Wagner veranstaltete, fand im ehrwürdige AudiMax am innerstädtischen Campus Augustusplatz statt. Annähernd 300 Branchenvertreter, darunter viele Vorstände und Führungskräfte von Versicherungsunternehmen und branchennahen Dienstleistern, folgten der Einladung nach Leipzig.

Nach der Eröffnung der Konferenz durch Prof. Wagner begrüßte die Rektorin der Universität Leipzig – Prof. Dr. med. Beate A. Schücking – die Teilnehmer. Sie hob die Bedeutung der Alma Mater Lipsiensis als eine der ältesten Volluniversitäten in Deutschland hervor, die mit der jährlich steigenden Studierendenzahl und dem vielfältigen Studienfachangebot stets bedeutsamer wird. Die Rektorin unterstrich die wachsende Bedeutung des Forschungsstandorts Leipzig sowie den Rang des Vorlesungstags an der Universität Leipzig für den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis.

Kunden wollen keine Versicherung, sie wollen Sicherheit

Fachlich eröffnete Dr. Alexander Vollert, Vorstandsvorsitzender der AXA Konzern AG, die Tagung mit dem Vortrag „Unternehmenskultur: Wie AXA das Spielfeld der Zusammenarbeit aktiv verändert“. Vollert stellte heraus, dass sich die Branche im Wandel befindet. Als Treiber des Wandels wurden der technologische Fortschritt, neue Wettbewerbern, Klimawandel, demographischer Wandel, Niedrigzinsphase und die Regulierung betont. Letztere sei jedoch zunehmend wichtig, z. B. in Bezug auf Datenschutz. Gleichzeitig warnte Vollert vor einer Überregulierung der Branche. Er hob hervor, dass sich die Anforderungen an die Versicherungsunternehmen zwar verändert hätten, konstant sei jedoch weiterhin der Kundenwunsch nach einem Gefühl von Sicherheit. Dies vor allem in Zeiten steigender Risiken zu vermitteln, so Vollert, sei das Kerngeschäft des Versicherers. Um das Gefühl von Sicherheit zu erreichen, müsse häufiger ein positiver Kundenkontakt geschaffen werden. Für eine größere Nähe zum Kunden müsse zudem das Produkt Versicherung einfacher gestaltet werden. Dazu zählten auch der damit verbundene Service, die IT und die Organisationsstruktur. Wichtiger Treiber einer veränderten Kundennähe sei laut Vollert die Datennutzung; hier würde das Potenzial noch nicht vollständig ausgeschöpft. Um die verfügbaren Daten voll zu nutzen, müssten Partnerschaften eingegangen werden. Dies erfordere eine flexible Organisationsstruktur, wobei der Mitarbeiter in Zeiten des Wandels im Vordergrund stehen soll. Dazu sei unter anderem ein Aufbrrechen der Rituale notwendig, und der massive innere Kulturwandel müsse von allen getragen werden. Er betonte, dass insbesondere bei agilen Strukturen eine neue Art der Führung an Bedeutung gewinne. Dazu gehöre auch, den Wandel der Unternehmenskultur vorzuleben.

Solvency II auf dem Prüfstand

Im folgenden Vortrag gab Justin Wray, Deputy Head of EIOPA’s Policy Department, einen Einblick in den aktuellen Evaluierungsstand von Solvency II. Sein Vortrag „Solvency II Review: EIOPA´s latest insights“ stellte abermals die Relevanz von Solvency II für den europäischen Versicherungsmarkt heraus. Die Weiterentwicklungen der europäischen Richtlinie sollten unter dem Motto „evolution not revolution“ stehen. Wray betonte, dass insbesondere die gestiegene Kapitalausstattung und der risikobasierte Ansatz zur Bewertung von Vermögenswerten und Verpflichtungen für die Branche ein deutlich erhöhtes Maß an Sicherheit mit sich gebracht habe. Eine genauere Analyse des Erfolgs von Solvency II und weitere Adjustierungen am Standardmodell müssten jedoch in naher Zukunft noch vorgenommen werden, um die Risikotragfähigkeit der Branche weiter auszubauen, so Wray.

Leipziger Forschung

Der zweite Veranstaltungsblock wurde von Kristina Zentner, MSc., Doktorandin und künftige Geschäftsführerin am IfVW eingeleitet. Zentner stellte einen Ausschnitt aus ihrem Dissertationsprojekt „Regulierung der Versicherungswirtschaft in Deutschland – Eine ökonomische Analyse“ vor. Nach einem Überblick zu den wesentlichen Regulierungstheorien legte Zentner den Fokus auf die normative Theorie. Sie stellte heraus, dass die idealtypische Funktionsweise freier Märkte, optimale Allokationseffekt zu bewirken, unter anderem durch Informationsasymmetrie, zu hohe Transaktionskosten und externe Effekte gestört sei. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf das geltende System der der sozialen Marktwirtschaft erarbeitete sie Kriterien für die ökonomische Analyse von Regulierung. Da die Branche vielen regulatorischen Anforderungen unterliegt, musste exemplarisch eine Auswahl vorgenommen werden. So setzte Zentner den Schwerpunkt auf die Bewertung von IDD. Dabei stellte sie besonders den Interessenkonflikt bei der Vertriebsvergütung als kritischen Punkt in Bezug auf die Funktionsweise von Märkten heraus. Durch die Einführung von IDD sei zwar ein positiver Effekt auf die Allokationseffizienz zu erwarten, offen sei jedoch die praktische Umsetzungsfähigkeit und die Überprüfbarkeit durch die Aufsicht.

 

Nachhaltiger Investmentprozess

Anschließend folgte ein Vortrag von Dr. Claus Stickler, Managing Director & Global Co-Lead der Allianz Investment Management SE, zum Thema „Nachhaltiges Kapitalanlagemanagement im globalen Versicherungsunternehmen“. Für Stickler „keine Modeerscheinung, sondern ein Paradigmenwechsel“. Nachhaltigkeit müsse gesamtheitlich für alle Portfolien und Assetklassen sowie wirkungsorientiert sein. Voraussetzung hierfür sei, dass ESG ein fester Bestandteil des Investmentprozesses darstellt. Dazu sei es wichtig, Wertegemeinschaften zu bilden und untereinander im Dialog zu stehen, um die Komplexität des Themas Nachhaltigkeit zu reduzieren. Ein Problem in Bezug auf die Komplexität sieht Stickler vor allem in unterschiedlichen Länderstandards und im differenzierten Verständnis von ESG. Die Herausforderung liege in einem gemeinsamen Verständnis von Mindeststandards. Stickler zeigte sich überzeugt, dass das Thema Nachhaltigkeit in den nächsten 10 Jahren immer weiter an Bedeutung gewinnen wird. Aktuell befände man sich am Start einer langen Reise, so Stickler weiter.

Data beats opinion

Den Abschluss der zweiten Vortragsreihe bildete Dr. Jörn Winterberg, Industry Leader „Insurance“ von Google Deutschland, mit seinem Beitrag über „Marketing und Vertrieb im Zeitalter der digitalen Assistenz“. Anhand von anschaulichen Beispielen verdeutlichte Winterberg, wie sich das Kundenverhalten und die Kundenerwartung verändert haben. Die dadurch neu entstehenden Schnittstellen würden zunehmend durch Vergleichsportale besetzt, was die Gefahr einer Abhängigkeit der Branche mit sich bringe. Problematisch sei, dass die Daten der Kunden nicht beim Versicherer, sondern bei den Plattformen liegen würden und somit das Marketing und den Vertrieb vor besondere Herausforderungen stelle. Versicherer müssten digital denken, um den Mehrwert für den Kunden durch zielgerichtetes Marketing zu erhöhen und weiterhin erfolgreich am Markt zu agieren. Digitales Denken beinhalte laut Winterberg unter anderem das Verstehen des Nutzers durch die Auswertung von Daten, und den Antrieb, einen Mehrwert für den Kunden im Bereich der Customer Journey zu schaffen. Er appellierte ans Plenum, den ausgewerteten Daten zu vertrauen. Die Möglichkeiten der Datenanalyse würden der eigenen Meinungsbildung über die Mehrwerte für den Kunden und den Erfolgsfaktoren für das Unternehmen weit voraus sein.

Die KFZ-Versicherung der Zukunft

Den Abschluss des akademischen Teils der Veranstaltung bildetet die traditionelle Podiumsdiskussion, bei der Meinungen aus Wissenschaft und Praxis aufeinandertrafen. Moderiert von Prof. Wagner debattierten Dr. Bernd Gause, Mitglied der Geschäftsführung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Wulf-Dieter Hartrampf, Sprecher der Geschäftsführung von Volkswagen Insurance Brokers GmbH, Dr. Jörg Hipp, Mitglied des Vorstands der Allianz Versicherungs-AG, Univ. Prof. Alexander Mürmann Ph.D., Professor für Risk Management and Insurance an der Wirtschaftsuniversität Wien, sowie Dr. Jörg Rheinländer, Mitglied des Vorstands der HUK-COBURG Versicherungsgruppe, über das Thema „Die Zukunft der KFZ-Versicherung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, technologischer und rechtlicher Veränderungen“. Hauptbestandteil der Diskussion waren neben der E-Mobilität das autonome Fahren sowie Telematik-Tarife. Uneinigkeit bestand unter den Diskutanten über die Zeitspanne der Entwicklung des autonomen Fahrens und dessen Auswirkungen auf die Tarifierung. Gemeinsam wurde herausgestellt, dass das autonome Fahren zu einer Reduzierung der Unfallrate führt, wobei über die Frage der Haftbarkeit bei einem Unfall debattiert wurde. Die Teilnehmer diskutierten weiterhin angeregt über die Datenrechte und Anreizsysteme in Bezug auf Telematik-Tarife, wobei auch die Forderung nach einem regulierenden Eingriff der Politik in den Datenwettbewerb aufkam. Rheinländer begrüßte unterdessen den fortschrittlichen Dialog zwischen der Automobilbranche und der Versicherungsindustrie, um gemeinsam den Kundennutzen zu optimieren.

Der letzte Höhepunkt des Tagungsprogramms war im Rahmen der kulturellen Abendveranstaltung ein Konzert des Leipziger Universitätsorchesters in der Thomaskirche. Abschließend lud das Institut für Versicherungswissenschaften an der Universität Leipzig zum traditionellen Get-together in die eigenen Seminarräume ein.

 

 

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